Donnerstag, 4. Februar 2021

Wettkämpfe auf Zwift & Co - Radsport oder unrealistische Spielerei?

Ich fühle mich mal wieder bemüßigt, ein paar Zeilen zu schreiben, die mich selbst auch bewegen. Was meine Meinung angeht, versuche ich auch in diesem Text diese außen vor zu halten. Ich versuche in diesem Text einen objektiven Blick auf dieses Thema zu richten.

Um was geht es? Es geht um eine zunehmende Veränderung der Trainingsgewohnheiten und neue Möglichkeiten, sich mit anderen Radsportlern zu messen. Die Rede ist von Radwettkämpfen in der virtuellen Welt, also einer Verbindung von Radsportler, Rad, (Smart-)Trainer, Computer und einer notwendigen digitalen Plattform auf der sich dann die User tummeln.

Was? Liegt nicht im Wesen des Wettkampf-Radsports, sich von eine Punkt zum anderen zu bewegen, über Berge hinauf und hinab zu fahren, den Fahrtwind zu spüren, sich in einer Zweckgemeinschaft zusammen zu schließen oder jemanden im Sprint niederzuringen. Macht Radsport nicht das schnelle Kurvenfahren, technische und taktische Raffinessen und das Zusammenarbeiten in einem Team aus?

Viele Radsportler, die auch schon an Wettkämpfen teilgenommen haben, würden diese Fragen sicher mit Ja beantworten.

Die "Gesetze" des Radsports auf der Straße oder im Gelände oder auf der Radrennbahn sind klar. Es wird die Person als erste über die Ziellinie fahren, die physisch zu den Stärksten zählt, technisch das Rad beherrscht und renntaktisch einiges richtig macht. Soweit so gut.

Wie sieht das jetzt aber in der virtuellen Welt aus? Für alle, die sich mit diesem Phänomen noch nicht auseinander gesetzt haben, mal ein kurzer Exkurs, wie das Ganze den überhaupt funktioniert und was die größte Unterschiede zum Fahren im Freien sind.

Die meisten werden das klassische Indoortraining mit einem Ergometer, Hometrainer, Zimmerfahrrad, Saalwalze oder ähnlichem kennen. Sei es Zuhause oder im Fitnessstudio, gleich ist dabei immer die Tatsache, das man sich nicht von der Stelle bewegt und im geschützten Bereich eines überdachten Raumes "fährt". Getreten wird gegen einen "künstlichen Widerstand". Das kann ein Zugband sein, Bremsbacken, die an der Schwungscheibe schleifen, eine Magnetfeldbremse oder andere Bremsmechanismen.

Vorteil dabei war und ist, der Schutz vor dem Wetter oder das ausweichen, gerade im Winter,  der Kälte und der Dunkelheit. Nachteil war und ist, das landschaftliche "Erlebnis", der kühlende fehlende Fahrtwind, oder die Fahrdynamik von draußen.

Viele Jahre schon trainieren viele Radsportler gerade im Winter auf diesen "Heimrädern", um trotz Kälte, Nässe und Dunkelheit für die aufzubauende Fitness notwendige Trainingseinheiten  zu absolvieren. Der Grund - Damit dann im Frühling, Sommer und Herbst draußen eine entsprechende Leistung abgerufen werden kann.

Wirklichen Spaß hat das aber nicht wirklich gemacht (natürlich kann einem auch das gefallen ;-) ).

Das hat schlaue Entwickler und Fitnessgeräteproduzenten auf den Plan gerufen, wie man aus dem lustlosen Indoortraining in der "Off-Season" etwas "lebendigeres" bzw. "ablenkendes" macht. D.h., das sich Menschen freiwillig und mit mehr Freude indoor "quälen" können.

Wie funktioniert das? Indem man das Training mit einem "Spiel" verbindet, oder dem User vorgaukelt, draußen zu fahren.

Man mischt Software, Computer, einen "smarten" Hometrainer, Ergometer oder Walze, spanne ein Rad nach Geschmack ein (wenn es sich nicht schon um einen komplette "smarten" Ergometer handelt) und trara, es ist eine Trainings-Ablenkungs-Maschinerie entstanden.


Die bekanntesten "Smart"-Trainer (oder Ergometer) Hersteller sind mittlerweile Cyclus, Elite, Tacx, Wahoo, Wattbike (um nur einige zu nennen). Die bekanntesten Softwareproduzenten (die die Plattform und damit die eigentliche Ablenkung zur Verfügung stellen) sind Fulgaz, RGT Cycling, Rouvy, Sufferfest, Trainerroad, Zwift und noch einige mehr.

Ich möchte jetzt hier gar nicht weiter auf die Unterschiede der Hardware (Smarttrainer, Ergometer, Leistung des PC´s oder Tablets/Mobilephone, Mindestanforderung der Internetanbindung) und Plattformen eingehen. Da kann sich jeder sein Bild davon machen bzw. gibt es auch genug Beiträge im Internet.

Ich will mich in diesem Artikel auch nicht mit den Trainingsmöglichkeiten bzw. Trainingsprogrammen oder sogar Online-Trainingsplänen beschäftigen. Das Training gerade im Winter und abends ist indoor sicher für viele einfacher, sicherer und "angenehmer".


Mich interessiert schon eine spezielle "Ablenkung" - Wettkämpfe auf diesen Plattformen mit Hilfe eines Smarttrainers oder (Smart)Ergometers.

Zuerst einmal die Hardfacts: 

Um sich auf den verschiedenen Plattformen mit anderen messen zu können, muss man das System mit Körperdaten füttern (sonst weiß die Software ja nicht, wer die Leistung erbringt, die mit anderen Usern verglichen wird). 

Welche Daten sind nun für das System notwendig: 

  • Das Körpergewicht: Wir wissen ja, dass schwerere Athleten im Verhältnis auch mehr Leistung erbringen können (Watt-Leistung), natürlich nur wenn eine gewisse Fitness da ist und sich das Gewicht nicht nur durch Fettgewebe ergibt.
  • Die Körpergröße: Da wird es schon interessanter, weil was hat die Größe mit einem Leistungsvergleich zu tun? Einiges - Umso kleiner, desto aerodynamischer (da weniger Angriffsfläche der Luft) - Warum gewinnen dann nicht alle Zeitfahren kleine Sportler? Weil wieder das Körpergewicht ins Spiel kommt - kleiner - leichter - weniger Watt ;-). Die Berechnungen der Plattformsoftware nutzen diesen Parameter auch um Leistungen im System abbilden zu können.
  • Die tatsächlich gerade geleistete Leistung (Watt), die eben auf dem Rad oder Ergometer sitzend/stehend über die Pedale und den Antrieb in das System und die Plattform übertragen wird.
Diese persönlichen Werte werden nahezu in Echtzeit von allen beteiligten Usern in das System/Plattform gespeist. Das System vergleicht dann ununterbrochen die einzelnen Werte (vor allem die geleisteten Wattwerte) und kann somit darstellen, wer gerade im System/Plattform auf einer gewählten Strecke schneller fährt. Und hurra, wir haben ein Computerspiel, das über echte körperliche Leistung gesteuert wird.

Das klingt ja super - natürlich ist es von diesen Entwicklern und den Unternehmen eine Meisterleistung das überhaupt so hinzubekommen. Wer schon mal so ein Onlinerennen bestritten hat, der kann bestätigen, dass das ganze recht gut funktioniert und das System sehr akkurat auf Änderungen der Leistung reagiert.

Jetzt komme ich zu den Pro´s und Contra´s (wobei ich eine Mischung in der Reihenfolge von plus und minus vornehme):
  • Es ist schon mal super, dass es so eine Technik gibt, mit der man sich global mit anderen echten Sportlern messen kann (Stichwort Globalisierung und Vernetzung von gleichgesinnten weltweit)
  • Man befindet sich immer noch in seinem Wohnzimmer, was das ganze etwas seltsam wirken lässt, wenn man alleine in der Wohnung an das Leistungsmaximum geht. Da fehlt dann die direkte Gruppendynamik, wir sind halt doch soziale Wesen.
  • Rennen fahren, ohne die beschwerliche Anreise...ist das nicht angenehm?
  • Technische Fertigkeiten (egal ob im Gelände oder Straße bzw. Bahn) - das Beherrschen des Rades fällt komplett weg. Ist man also überdurchschnittlich gut in der Abfahrt, beim Kurvenfahren oder auf Singletrails beim Mountainbiken - schade, das bringt online leider nichts.
  • Als Trainingsrennen bzw. Vorbereitung auf Outdoorwettkämpfe eignen sich Online Wettkämpfe sehr gut - nach kurzer Zeit vergisst man eigentlich, dass man im Wohnzimmer ist und fordert sich mehr als bei einem reinen Training.
  • Die Transparenz der teilnehmenden User, also hat die Person wirklich das Gewicht oder diese Größe? Die Überprüfbarkeit der Richtigkeit der von den Usern eingegeben Daten ist schwierig, das verleitet einige Zeitgenossen zu schummeln (man macht sich leichter: dadurch erhöht sich bei gleicher absoluten Wattzahl die Watt/kg, was am Berg große Vorteile bringt. Ein Beispiel: User X hat eigentlich 80kg und kann 10 Minuten max. 300Watt leisten = 3,75Watt/kg - gibt User X jetzt im System nur 60kg ein und kann natürlich immer noch 300Watt 10 Minuten lang leisten = 5 Watt/kg !!! Das ist ein riesiger Unterschied am Berg. Zweitens geht das auch beim anderen Körperparameter, der Körpergröße. Es macht einen Unterschied, ob ein User 190cm groß ist (bei 85kg), oder ob der gleiche User nur 160cm  (bei 85kg) eingibt - dadurch wird er aerodynamischer (da weniger Luft-Angriffsfläche) bei gleicher Leistung (da er ja immer noch 85kg wiegt und nicht wesentlich leichter ist, was ja realistisch wäre). Dadurch hat dieser User in der Ebene und in Abfahrten einen nicht unerheblichen aerodynamischen und somit Geschwindigkeits-Vorteil. 
  • Wenn man die Ergebnisse der Online Wettkämpfe vor allem auf sich selbst bezieht (Wattleistung über 1 Minute, 10 Minuten, usw.) und nicht zu 100% in das Verhältnis zu anderen stellt, ist das eine tolle Motivation und Leistungsstandortbestimmung.
Grundsätzliches gilt, wie bei allen anderen Online-Computerspielen: Die Leistung des eigenen Computers, Tablets oder Smartphones muss den Mindestanforderungen entsprechen. Außerdem muss die Leistung des eigenen Internetzugangs auch entsprechend sein - ansonsten wird man keinen Spaß mit diesen Tools haben, weil es zu regelmäßigen Störungen oder Ausfällen kommen kann.


Jetzt noch ein eher philosophischer Abschluss. Gerade in den Sozialen Medien gehen die Meinungen von Sinn und Unsinn von Online Radsportwettkämpfen auseinander. Viele sehen in diesen Bewerben eine tolle Ergänzung, vielleicht sogar eine spezielle Disziplin im Radsport. Andere wiederum können diesem Computerspiel mit dieser noch im Moment ungenügenden Transparenz wenig bis nichts abgewinnen. Es gibt natürlich auch die Gruppe, die das Ganze überhaupt nicht als Radsport sieht.

Ganz objektiv betrachtet, ist das "Rennen online zu fahren" biomechanisch sehr ähnlich zum draußen fahren. Natürlich ist das Verhalten in einem Teilnehmerfeld, Dynamik des Windschattens oder Fahrtechnik teilweise sehr unterschiedlich oder nicht vorhanden. Trotzdem bleibt es Radfahren. Man würde einem Zeitfahren auch nicht aufgrund des fehlenden Windschattens und fehlenden Verhalten in einem Teilnehmerfeld absprechen Radsport zu sein. Wenn es um das Erlebnis von Outdoor geht müsste man sich auch überlegen wo der landschaftliche Erlebnisfaktor auf einer Radrennbahn ist. Ob nun Online-Radsportwettkämpfe "echter" Radsport sind, kann jeder für sich selbst überlegen.
Sponsoren finden sich sicher auch für die Onlinevariante, da kommt es immer nur darauf an, wie groß die Masse der Konsumenten, sprich User ist, die sich auf so einer Plattform tummeln (siehe Werbeumsätze von Facebook, YouTube, etc.).
Die Konzernmacht solcher Plattformen ist natürlich gegeben (man befindet sich ja auf einer konzerneigenen Plattform), das kann man gut oder schlecht finden. Untergräbt das die Bemühungen von vielen kleinen Veranstaltern von Outdoor-Radsportevents? Vielleicht, vielleicht kommt es aber auch zu einer vernünftigen Symbiose von online und offline.

Mein einziger persönlicher Abschlusssatz: 
Der Radsport ist ein sehr traditionsreicher und auf seine Regeln (wie Socken in einer bestimmten Farbe, Brille über dem Trageriemen des Helms, etc.) bedachter Sport. Trotzdem wird sich auch dieser Sport immer weiter wandeln und mit der Zeit gehen, davon bin ich überzeugt. Falls nicht, wird es schwer genügend interessierten und motivierten Nachwuchs für diesen so schönen Sport zu bekommen - 

Egal ob draußen in der Natur, auf einer Radrennbahn oder eben im Wohnzimmer.

Ride On,
ae cyclist

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